"W.N. - erinnert sich noch jemand an W.N, Berlin, …Straße, Galerie W. N., ja? W. N. also, der mir Sottisen und meinem Kater Hummerkrabben mitzubringen pflegte, wedelte mir etwa vor zehn Jahren vergnügt glucksend mit einer Fotokopie vor der Junggaleristennase herum. Da hatte ein Anonymus aus der Galerieszene, der so anonym nun auch nicht mehr war, vor der anstehenden Schließung seiner Galerie eine wüste Abrechnung mit seinem Publikum veröffentlicht. Es war eine böse Bilanz. Unterm Strich standen Hektoliter von Sekt und Orangensaft, Brandlöcher im Teppichboden, Kaugummi in Katalogen, Leute, die Aquatinta für vino tinto hielten und einen mit dem atemberaubenden Maler vollsülzten, die sie gerade in einem mallorquesken, oder ibizuösen Bergdorf entdeckt hatten; Leute, die auf die Einladung zur Vernissage immer nur Datum und Uhrzeit der Vinissage entziffern konnten…
J. M. lehnte damals meine Bitte, in meiner noch jungen Galerie auszustellen, kategorisch mit dem Argument ab, alle Privatgaleristen seien entweder Gangster oder nach zwei Jahren pleite. J.M. hat doch - und häufig - bei mir ausgestellt, und jener Anonymus hat wieder eine Galerie eröffnet. Man kann sich auf nichts verlassen.

Als ich im Frühjahr 1999 entschloss, nach elf Jahren die Galerie zu schließen, war die Versuchung groß, zum Abschied noch einmal so richtig aufzujaulen: “Ich gehe!” Mit Theaterdonner. Wenn sich der Abschied aber hinauszögert, weil Zukunft sich nicht immer auf dem Reißbrett planen lässt, und wenn dann auch noch die Weltgeschichte vor der eigenen Haustür in Bewegung gerät, wird die beleidigte Abrechnung schnell zum Schnee von gestern. Überdies: das öffentliche Nachdenken über Kunst und Kommerz; Kunstmarkt und Freizeitindustrie steht in den Feuilletons hoch genug im Kurs. Was ich selber davon halte, kann man bei Karl G. nachlesen “Der Künstler und die Mehrheit.”
Warum schließ ich die Galerie? Ich habe kein Geld mehr, um mir meine bisherige Konzeption von Galerie leisten zu können. Eine andere Konzeption will ich nicht: Für meine Vorstellung von Kunstvermittlung ist die Galerie als Ort zu einem Anachronismus geworden. Kunst sucht sich andere Orte. Galerie interessiert mich nicht mehr: Kunsthandel hat mich noch sonderlich interessiert; Kunst vor allen im rohen, noch nicht abgehandelten Zustand, und Ausstellung als Platz, wo Kunst Bezug und Beziehung stiftet, interessieren mich nicht mehr.
Zwei Jahre augenverfettende Jubelkunst in Berlin haben dazu beigetragen, aus einer Galerie für hauptsächlich junge, fremde oder unbekannte Kunst ein selbstfinanziertes Privatmuseum für onanistisches Ausstellungsvergnügen zu machen. Elf Jahre Galerie, ein wenig Pionierarbeit für aktuell japanische Kunst: mit dem Schluss Strich, meinem Credo an der Wand, verabschiede ich mich…
Die Einladung zum Schluss Strich wurde gedruckt und zwei1000Mal eingetütet: Die Wirkung war verbüffend: Ein Lauffeuer ging durch die Stadt, wildfremde Menschen wählten sich die Finger wund, um die Frage aller Fragen zu stellen: Haben sie noch einen Grafikschrank zu verkaufen? Gleichzeitig befiel eine gewaltige Augenkrankheit große Teile meines hochverehrten Publikums. Die Krankheit, nicht sonderlich gefährlich, weil auf kleine Risikogruppen beschränkt, heißt: “Mit den Augen sehen, nicht mit den Ohren sehen:”, also eine Berufskrankheit von Künstlern, Sammlern, Galeristen, Museumsmenschen, sollte man meinen. Doch plötzlich versicherten mir auch all diejenigen, die sonst kopfschüttelnd , offen erbost, verlegen, meist aber nur gelangweilt das besahen, was ich für sehenswert hielt, dass sie schon immer latent verseucht gewesen seien. Und wie sehr sie mein außerordentliches Galerieprogramm vermissen würden. Und ob da vielleicht noch ein Grafikschrank…

Da heben Menschen, die einen zu Zeiten aktivster Ausstellungstätigkeit bestenfalls abschätzig links liegen ließen, zu Lobreden an, bei denen ihnen, wenn es eine Gerechtigkeit gebe, die Ohren abfallen und die Zunge verfaulen müssten. Da schreit der Vertreter einer offiziellen japanischen Institution in Berlin entsetzt auf über den anstehenden Verlust einer der Säulen japanischer Kultur - sein Haus hat sich nicht unbedingt mit Ruhm bekleckert, was Unterstützung oder Förderung aktueller japanischer Kunst angeht.

Überhaupt, die Kondolenzbriefe! Die mit trauerumflorter Schreibe erheitern mich ungemein. Es ist zu schön, wie viel Aufmerksamkeit man als Galerieleiche erhält. Nun wollen alle noch mal auf der zerfledderten Ledercouch sitzen, sich besonnen in der Vitrine spiegeln, zärtlich über die Grafikschränke streicheln…
Man müsste viel öfter eine Galerie schließen. Vorausgesetzt natürlich, man hat sich rechtzeitig mit ausreichend Grafikschränken eingedeckt, am besten aus der rosa Periode, signiert und datiert, die Edition beschränkt auf 93 Brenntage: Aber vielleicht sollte man die Dinger doch besser behalten - wer weiß, was sie in zehn Jahren bei Christie’s bringen.

Das einzige, was im Augenblick den lebhaften Geschäftsverkehr in meiner Galerie etwas behindert, ist, wie immer, die Kunst, die den sanften Fluss des Auges vom Glastisch zur Bilderleiste unterbricht. Und nicht einmal die Wonnen eines kleinen Barmherzigkeitkaufes gönnt sie einem, einer letzten Vergebung für die Sünde, Galerien mit eintrittsfreien Museen samt Kantine; Gesprächstherapie und Partyservice zu verwechseln: kein wohlfeiler Ablaß in Sicht.

Ich weiß, ich weiß. Ein kühler Stratege hätte sich auf ein so aberwitziges Unternehmen gar nicht erst eingelassen, es zumindest anders aufgezogen. Man hat mir immer wieder gesagt, dass der Köder an der Leine ja nicht dem Angler gefallen muss, sondern dem Fisch. Immerhin, wenn es nicht doch immer wieder Fische, Freunde, Künstler, Käufer, Schreiber, Sammler und Museumsmenschen gegeben hätte, die den erfolgreichen Ködern Bestseller und tot - am besten beides ebensowenig abgewinnen konnten wie ich selbst, hätte ich es nicht elf Jahre lang mit vergnüglichem Stöhnen ausgehalten.

So viel zu Leben, Liebe, Tod und Grafikschränken. Ansonsten halte ich es mit H. Ohff, dem elder artsman des Berliner Feuilletons: “Aber sie kommt ja, ihre Krimis unterm Arm, eines Tages zurück nach Madagaskar.” Vielleicht wedelt dann ein neuer W.N. einer jungen Galeristin mit dem Schluss Strich vor der Nase herum. Bis dahinein ich schon wieder knietief in der Kunst.

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Codex 99

(Source: muewi)

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eins

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(Source: yuppiescumblog)

 

 

(Source: mossfull, via yuppiescumblog)

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Collaged images of my sketchbook cover by Devonrae Jones for my Yuppie Scum Blog interview

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